Blachstein

Der anti-kommunistische Humanist

Im Interview mit Paul und Stella erklärt Adalbert Heidenreich, weshalb sich Peter Blachstein für politisch Verfolgte einsetzte, fast Hamburger Kultursenator sowie zum geistigen Vater vieler Jusos wurde.

Herr Heidenreich, wie hat Peter Blachstein auf Sie gewirkt, als Sie ihn Ende der 40er Jahre kennenlernten?
Als ich damals Mitglied der Jungsozialisten wurde, war Peter Blachstein Mitglied im Hamburger Parteivorstand. Er ist 1911 geboren, ich 1931. Es lagen also ganze 20 Jahre zwischen uns. Ich habe ihn von Anfang an respektiert. Er war mein geistiger Vater. Natürlich wusste er, dass meine Freunde und ich in der Hitlerjugend gewesen waren, was er uns allerdings nie übel nahm. Im Gegenteil: Er fand es gut, dass wir gesagt haben: „So etwas wollen wir nie wieder.“ Man muss auch bedenken, dass ich 1945 erst fünfzehn Jahre alt war.

Und wie ist er mit den 20 Jahre jüngeren Genossen umgegangen?
Wir haben ihn zuerst ganz ehrwürdig gesiezt, bis er irgendwann sagte: „Sozialdemokraten duzen sich“. Wahrscheinlich kommt dieser starke Zusammenhalt unter Sozialisten noch aus der Bewegung vor 1933. Peter Blachstein hat immer wieder betont, dass die SPD ursprünglich aus einfachen Leuten bestand. Sie ist eine Arbeiterpartei. Dennoch war er damals einer der wenigen wirklich Intellektuellen in der Partei – der sich aber immer mit den Arbeitern und Handwerkern solidarisierte. Das konnte Blachstein wirklich gut: Menschen für sich gewinnen.

1949 hat Peter Blachstein das erste Mal für den Bundestag kandidiert. Stimmt es, dass Sie damals sein Wahlkampfberater waren?
Nein, dass war ich nie. Andere haben diesen Job übernommen. Aber natürlich habe ich ihm beim Wahlkampf geholfen. Das war alles noch sehr primitiv damals: wir hatten weder Autos, noch Telefone oder gar das Internet. Es war sehr viel schwieriger als heute, den Wahlkampf zu organisieren. Wir Jungsozialisten haben uns getroffen, sind mit dem Fahrrad durch Eimsbüttel gefahren und haben Plakate aufgehängt – was gar nicht so einfach war, denn die waren schwer zu transportieren. Wir haben Veranstaltungen in Lokalen organisiert und mit nur einer einzigen Maschine alle Flugblätter gedruckt, die wir später verteilt haben. Am Ende ist Blachstein in den Bundestag gewählt worden.

Was waren seine politischen Schwerpunkte?
Ein Schwerpunkt war auf jeden Fall Kulturpolitik. Er hätte auch in Hamburg Kultursenator werden können, hat aber abgelehnt, da er sich mehr außenpolitisch engagieren wollte. So wurde er außenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag und hat sich für die Einigung Europas eingesetzt. Dennoch war Peter Blachstein weiterhin an Kunst interessiert. In der Emigration in Uppsala hat er eine Studententheatergruppe geleitet und mit ihnen Stücke von Brecht aufgeführt. Mit jungen Menschen Kultur voranzutreiben war eines seiner wichtigsten Ziele.

Obwohl Peter Blachstein so viel an jungen Menschen lag, hatte er weder Frau noch Kinder. Was wissen Sie über seine Familie?
Blachstein hat nie viel über sie gesprochen. Nur einmal hat er mir in einer schwachen Stunde, in der „Badewanne“, einem Jazzlokal in Berlin, etwas über seine Familie erzählt: Peter Blachstein kam aus einem humanistischen Haushalt in Dresden. Seine Eltern waren selbständig und konnten rechtzeitig, gemeinsam mit seiner Schwester und seinem Bruder, in die Vereinigten Staaten emigrieren und ein Teil ihres Geldes aus Deutschland retten. Später war das für Juden unmöglich. Im Gegensatz zu seiner Familie kehrte Blachstein nach seiner Zeit im schwedischen Exil 1947 wieder nach Deutschland zurück. Erst in den 50er Jahren besuchte er seine Familie in den USA. Seine Schwester habe ich das letzte Mal gesehen, als sie zu Blachsteins Beerdigung in Deutschland war. Sie war zwei Jahre jünger als Blachstein und damals schon Professorin. Er hat sie oft in Amerika besucht. Mit seinem Bruder, der eher kaufmännisch gesinnt war, hatte er kein gutes Verhältnis. Der hat das Geschäft der Eltern weitergeführt, die in Amerika einen Gewürzhandel eröffnet hatten. Peter hatte deren Produkte immer in seiner Küche. Da war er ganz stolz drauf: „Blachstein Gewürze, alle mitgebracht aus Amerika“.

Und hatte Peter Blachstein jemals eine Frau an seiner Seite?
Blachstein hat mit mir nur ein einziges Mal über seine Verlobte gesprochen, die im 3. Reich wohl barbarisch umgebracht worden ist. Deshalb macht es mich umso ärgerlicher, dass immer wieder die Behauptung auftaucht, dass Blachstein homosexuell gewesen sein soll. Das stimmt absolut nicht.

Warum ist Blachstein überhaupt nach Deutschland zurückgekehrt?
Er war überzeugter Sozialdemokrat. Deutschland neu zu gestalten, das war seine Vision. Er hat sich immer an die alte Kultur gehalten, die Geisteswissenschaften. Denn wir waren ja fortschrittlich bevor Hitler kam: Das Land der Dichter und Denker. Aber es ging auch um die für ihn so wichtige Sprache. Schließlich hat er lange Jahre als Journalist gearbeitet. Und – wie gesagt – er wollte das Land neu aufbauen und ein Vorbild für uns Jungsozialisten sein. Wenn ich daran denke, dass ich tausend Steine geklopft habe, um in die Schule gehen zu können und meinen Abschluss zu kriegen. Alles war zerstört, nachdem der Krieg 1945 zu Ende war. Er hat uns jungen Sozialdemokraten in Eimsbüttel gefördert. Er war unser großes Vorbild.

Peter Blachstein gehörte während seiner eigenen Schulzeit in Dresden der Deutsch-Jüdischen Jugendgemeinschaft an. Wie war sein Verhältnis zum Judentum als Sie ihn nach dem Krieg in Hamburg kennenlernten?
Er war ein Atheist, wie Heinrich Heine, der auch nichts mit seinem Judentum zu tun haben wollte. Deswegen wollte er auch, dass niemand spricht, wenn er mal stirbt. Da habe ich großen Respekt vor. Er hat auch nie verstanden, wie ein Staat einfach entscheiden kann, wer Jude ist und wer nicht. Judentum hat mit Rasse überhaupt nichts zu tun. Das habe ich erst von ihm gelernt. Mir wurde als Kind im Dritten Reich beigebracht, dass Juden schlechte Menschen seien, eine andere Rasse, die nur Geschäfte macht. Gott sei Dank habe ich das nachher korrigieren können.

Blachstein ist über die Tschechoslowakei nach Oslo zu Willy Brandt geflohen, von wo er wiederum in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen ist. Können Sie uns erläutern, wie die Zeit im Exil Blachstein geprägt hat?
Ich denke, dass es ihn sehr geprägt hat. Er war schließlich jahrelang auf der Flucht, von einem Land ins nächste. Von Spanien ist er weiter nach Frankreich geflohen, wo ihm sein politischer Freund Walter Fabian aus der sozialistischen Arbeiterjugend mit Pässen und Geld die Flucht nach Norwegen ermöglicht hat, von wo er wiederum nach Schweden kam. Er hat wenig über diese Zeit gesprochen. Aber alles, was mit politischen Flüchtlingen zu tun hatte, bewegte ihn sehr. Deswegen hat er sich für sie eingesetzt, als er wieder in Deutschland lebte. Er gründete das Spanienkomitee für verfolgte Republikaner. Aber auch Chilenen wollte er helfen als 1973 Pinochet an die Macht kam. Damals kam er zu mir und sagte: „Wir müssen was tun, wir müssen die Leute da herausholen“. Er fragte mich, ob ich das Büro nicht wieder mobilisieren könne. Ich war damals Geschäftsführer des Vereins ‚Weltweiten Partnerschaft‘ und der Carl-Duisberg-Gesellschaft (jetzt GIZ = Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), die jedoch im Grunde eher Bildungsorganisationen als politische Organisationen waren. Aber wir haben trotzdem einiges in Bewegung gesetzt, haben Leute wie Günter Grass und Helmut Schmidt angeschrieben und Spenden gesammelt. Wir haben eine halbe Million Mark zusammenbekommen und konnten damit verfolgte Chilenen unterstützen.

Nach seiner Zeit im Exil ist Blachstein nicht in seine Heimat Dresden, sondern nach Hamburg zurückgekehrt. Wie war seine Einstellung zur DDR und generell zum Kommunismus?
Er ist in Spanien schwer von den Kommunisten misshandelt und gefoltert worden, weshalb er die Kommunisten bekämpft hat, wo er nur konnte: Im Exil und auch später in der SPD. Er war der festen Überzeugung, dass Kommunisten in dieser Partei nichts zu suchen hätten. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Wer einmal Gefangenschaft erlebt hat – in Deutschland, Spanien oder sonst wo – vergisst das niemals. Aus diesem Grund war er auch großer Gegner der DDR. Damit wollte er nichts mit zu tun haben. Er glaubte an die Freiheit des Menschen.

Wie würden Sie seine Persönlichkeit beschreiben? War er ein sympathischer Mensch?
Ja, ich würde ihn als einen sehr, sehr angenehmen Menschen bezeichnen. Wie gesagt, für mich ist er ein geistiger Vater. Ich habe noch heute hohen Respekt vor ihm. Ein Großteil meiner Literatur habe ich mir auf seine Empfehlung hin angeschafft. Ich arbeitete früher als Ingenieur, also einem sehr technischen Beruf. Meine Arbeitskollegen waren weder Literaten noch an Kunst interessiert. Blachstein hat mich in diesem Sinne wirklich geprägt.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, womit er Sie besonders beeinflusst hat?
Ich kann euch eine Geschichte erzählen, die viel über ihn aussagt. Sagt euch der Name Hellmut Kalbitzer etwas? Hellmut Kalbitzer hat 1961 zum ersten Mal im Bundestag über Entwicklungshilfe gesprochen. Er wurde ausgelacht und ausgepfiffen. Aber Peter Blachstein wollte ihn unterstützen. Er hat sich mit Walter Hesselbach und Willi Richter in Bonn zusammengesetzt und die Weltweite Partnerschaft (WWP) gegründet. Es ging darum, aus Solidarität soziale Projekte in Afrika und Lateinamerika zu organisieren. Ihr Anliegen war es Schulen und Rundfunk aufzubauen und Pressefreiheit zu etablieren. Nach einiger Zeit wurden noch weitere Niederlassungen der WWP in großen deutschen Städten gegründet. Blachstein arbeitete für die Weltweite Partnerschaft hier in Hamburg. Er fragte mich, ob ich nicht auch für die Organisation arbeiten wolle und ich sagte zu. Zwanzig Jahre habe ich mich für die WWP engagiert.

Was war denn das Besondere an der Weltweiten Partnerschaft?
Blachstein sagte, für die Entwicklungsländer sei es das Wichtigste, dass sie das Handwerk und die Industrie selbst aufbauen. Er war der Überzeugung, dass es keinen Sinn macht, nur Geld hineinzuschmeißen. Die Menschen müssten erst ausgebildet werden. Darauf haben wir unsere Projekte ausgelegt. Wir haben zum Beispiel mit der WWP in Entwicklungsländern Autowerkstätten und Landwirtschaftsgenossenschaften aufgebaut. Er hat Geld aufgetrieben, Briefe geschrieben und seine guten Verbindungen genutzt. Gleich nach der Gründung 1962 hatten sie auch schon die ersten zwei Afrikaner da, die vermittelt werden mussten. Einer von ihnen studierte Medizin und war auf illegale Weise nach Deutschland gekommen. Blachstein kümmerte sich darum, dass er eine Aufenthaltsgenehmigung und einen Studienplatz bekommt und seine Zeugnisse anerkannt wurden. Daran erkennt man Blachsteins große, menschliche Art. Er war Humanist durch und durch, ein fantastischer Mensch.

Hatten Sie gar nichts an ihm zu kritisieren? War der ‚alte Herr‘ nicht auch manchmal ein bisschen konservativ?
Selbstverständlich hatte er auch schwierige Seiten. Er beharrte immer auf seiner Meinung und war schwer von anderen Ansichten zu überzeugen. Das konnte auch zu Konflikten führen. Natürlich tickten wir anders damals, wir waren 20 Jahre jünger als er. Junge Leute haben oft andere Ideen und Vorstellungen. Das ist auch heute noch so. Über die Sozialdemokratie, über unsere Republik, über unsere Demokratie. So muss es auch sein, sonst gäbe es einen Stillstand. Ideen müssen immer weiterentwickelt und verändert werden.


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Adalbert Heidenreich hat 1949 den Wahlkampf für Blachstein gemacht und in den sechziger Jahren die weltweite Partnerschaft in Hamburg aktiv mitgestaltet.