Blachstein

Diplomat oder Kandidat?

Im Gespräch mit Nils und Daniel berichtet der Bundestagsabgeordnete und Hamburger Senator Dr. Wilhelm Nölling von privatem Englischunterricht für Peter Blachstein, dessen „Treuebruch“ an dem damaligen Außenminister Willy Brandt und dem innerparteilichen Wettkampf um die Nominierung des Bundestagskandidaten in 1969.

Herr Dr. Nölling, in Ihrer Autobiographie schreiben Sie, dass das Blachstein-Lager Ihren Start ins politische Leben wesentlich vereinfacht hat. Wie kam es dazu?
Während ich in Hamburg studiert habe, war ich sechs Jahre lang Mitglied im SDS, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Dort habe ich viel mit Reinhard Hoffmann und Günther Quast zusammen gearbeitet. Aufgrund der gemeinsamen politischen Zeit war ich den beiden sehr verbunden. Als ich 1961 nach Amerika ging, trat ich aus dem SDS aus und 1964 – nach meiner Rückkehr – in die SPD ein. Da ich in Eimsbüttel wohnte, wurde ich natürlich auch in diesem Stadtteil geführt. Und hier traf ich meine früheren Studiengenossen Hoffmann und Quast wieder. Diese waren wiederum eng mit Peter Blachstein verbunden, hatten sogar schon als Assistenten für ihn gearbeitet, während ich ihn persönlich nur selten zu sehen bekam.

Aber inwiefern vereinfachte das Ihren politischen Start?
Wenn man in die Politik geht, fühlt man sich im ersten Moment fremd zwischen den eingesessenen Parteimitgliedern: Man kennt niemanden und es dauert oft Jahre bis sich ein neues Mitglied überhaupt orientieren kann. Bis man weiß, wer der Vorsitzende ist und welche Stärken und Schwächen dieser hat, wer die anderen Personen um ihn herum sind und welche Gruppierungen es gibt, vergeht viel Zeit. Der Sozialisierungsprozess in einer Partei ist meistens sehr schwierig. Für mich war es sehr viel leichter, weil ich Hoffmann und Quast kannte und diese sofort zu mir sagten: „Du wirst Mitglied hier in Eimsbüttel und da du in der Gärtnerstraße wohnst, übernimmst du den Vorsitz des Bezirks 314.“ So wurde ich nicht nur Mitglied, sondern zugleich Vorsitzender eines Bezirkes mit dreißig bis vierzig Mitgliedern. Das war ein Arbeiterbezirk mit überwiegend älteren Menschen, die pensioniert oder aufgrund des Krieges verwitwet waren. Das war keine intellektuelle Gesellschaft. Ich war dort wie ein weißer Ritter: Solche Typen wie mich – davon gab es dort nicht sehr viele. Aber dadurch, dass ich vernünftig mit den Genossen sprach, gewannen sie Zutrauen zu mir. Dennoch: Mein politischer Start hätte definitiv länger gedauert, wenn mir die Genossen aus dem SDS, die mit Peter Blachstein intensiv zusammenarbeiteten, nicht vertraut gewesen wären und ich als völlig Fremder von außen hereingekommen wäre. Das gilt im besonderen Maße für meine Wahl in die Bezirksversammlung Eimsbüttel im Jahre 1966, die für meine Eingewöhnung und meine Chancen in der Partei von zentraler Bedeutung war.

Haben Sie zu dieser Zeit auch persönlich mit Peter Blachstein zusammengearbeitet?
Nein, zu der Zeit kannten wir uns gar nicht. Zwischen 1965 und 1966 habe ich ihn häufig auf Plakaten aber kaum persönlich zu Gesicht bekommen. Erst als er mich im Frühjahr 1968 bat ihm beim Aufbessern seiner Englischkenntnisse zu helfen, habe ich ihn persönlich kennengelernt.

Weshalb wollte er, dass gerade Sie ihm Englischstunden geben?
Blachstein wusste, dass ich jahrelang in Amerika gelebt hatte und die Sprache beherrschte. Als feststand, dass er als Diplomat nach Belgrad gehen würde, bat er mich um Hilfe. Ich fühlte mich geehrte und sagte selbstverständlich zu – woraufhin wir vier oder fünf Mal über Stunden hinweg in seiner Wohnung in Niendorf gesessen und englische Texte durchgesprochen haben. Er hat Fragen gestellt, wir haben sie gemeinsam beantwortet. Es war eine gute Zusammenarbeit. Obwohl ich mich wunderte, warum er so wenig Englisch sprechen konnte. Denn als Abgeordneter im Auswärtigen Ausschuss des deutschen Bundestages kommt man meines Erachtens ohne Englischkenntnisse nur schwer zurecht. Es irritierte mich, dass ein hochintelligenter, sehr sensibler und lernfähiger Mann wie Blachstein praktisch kein Englisch sprach. Ihm zu helfen, war schlicht eine Ehrensache für mich.

Ihre Beziehung blieb dann aber nicht auf dieser freundschaftlichen Ebene. Was ist passiert?
Es gab ein Missverständnis zwischen uns. Ich hatte einen Sachverhalt geschildert, den er völlig falsch interpretierte. Und obwohl ich diesen sofort aufklärte, brach er, ohne noch ein Wort mit mir zu reden, den Kontakt ab. Kein Dankeschön, kein Auf Wiedersehen, Nichts. Das hat mich negativ berührt. Da bemühst du dich wochenlang – und auf einmal ist Schluss. So verhält man sich nicht. Ich war enttäuscht von einem Mann, von dem ich viel hielt. Er hat mir Vertrauen entgegen gebracht, indem er erklärte, dass er kein Englisch könne und von mir lernen wolle. Dazu war ich bereit. Er hatte keinen Grund anzunehmen, ich wolle mich um sein Bundestagsmandat bewerben. Schon damals wird er gewusst haben, dass er unter Umständen wieder kandidieren will, obwohl er es möglicherweise noch niemandem gesagt hatte.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Blachstein zum Botschafter ernannt wurde?
Die SPD und die neue Regierung bemühten sich intensiv gerade zu Josip Broz Tito (kommunistischer Staatspräsident Jugoslawiens) diplomatische Beziehungen aufzubauen. Außenminister Willy Brandt wollte – 20 Jahre nach dem Krieg – beginnen über das vom Ostblock abtrünnige Jugoslawien diplomatischen Kontakt zum Osten aufzunehmen. Als ehemaliger Ostblockstaat war Jugoslawien immer noch ein bedeutender Machtfaktor. Das Land hatte sich von Stalin losgesagt und eine mehr oder weniger unabhängige, kommunistische Politik verfolgt. Brandts Auge fiel auf Peter Blachstein, der sein Freund und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages war. Nach 18 Jahren im Bundestag hatte er große Erfahrung in der Außenpolitik. Willy Brandt wollte diesen herausragenden deutschen Politiker als ersten Botschafter für die Bundesrepublik Deutschland bei Tito gewinnen. Er wünschte sich Blachstein als eine Art Eisbrecher, der auch auf seine Diplomatenkollegen politisch einwirken sollte und Deutschland glaubhaft eine neue Ostpolitik betreiben konnte. Der Botschaftsposten stellte eine Schlüsselfunktion in Brandts Politik dar. Blachstein überlegte lange bevor er einwilligte. Denn mit seiner Zusage ging einher, dass er nicht gleichzeitig Bundestagsabgeordneter bleiben konnte. Und so wurde sein Mandat 1968 frei. Zwar rückte für ihn Dr. Claus Arndt in den Bundestag nach, aber schon 1969 stand eine erneute Bundestagswahl an…

Unseres Wissens nach kandidierte Peter Blachstein in diesem Jahr jedoch abermals als Anwärter für die Bundestagswahl – und zwar als Ihr Kontrahent. Wieso hat er es sich anders überlegt?
Kaum in Belgrad, gab er intern zu erkennen, dass ihm der Job keinen Spaß machte. Das war nichts für ihn. Als Abgeordneter war er ein freier Mann, in Belgrad musste er sich einfügen in die Ordnung des diplomatischen Dienstes. Der Vorgesetzte von Peter Blachstein saß auf irgendeiner Spitzenposition im Auswärtigen Amt in Bonn und war zuständig für alle Diplomaten im Ostteil der Welt. Das war eine völlig neue Situation für Blachstein. Als Politiker war ihm das Denken in Kategorien der Diplomatie fremd. Er spürte sehr schnell; wie einsam er war und dass er im Grunde gar kein Interesse an dem Diplomatischen Gedöns hatte. Zwar war es für ihn weiterhin wichtig, gute Beziehungen zu der Regierung in Jugoslawien und den dort akkreditierten Diplomaten aus den anderen Ostblockländern aufzubauen und damit die Hauptaufgabe, die ihm Willy Brandt zugedacht hatte, zu erfüllen – aber er hat nicht durchgehalten.

Und was ist Ihrer Meinung nach so schlimm daran?
Man muss wissen, dass die Betrauung Peter Blachsteins mit dem Botschafterposten weit über die Bundesrepublik hinaus von Bedeutung war. Nun wurde bekannt, dass Peter Blachstein für den SPD-Außenminister zum „Fehlgriff“ geworden war – dadurch, dass er nicht nur viel zu früh die Flinte ins Korn geworfen sondern meines Wissens nach auch Willy Brandt über die Hintergründe seines Handelns im Unklaren gelassen hatte. Ich hatte begründeten Anlass zu vermuten, dass Peter Blachstein, noch bevor er nur einen Fuß auf jugoslawischen Boden gesetzt hatte, seine Zusage bereute und schon bald nach Wegen suchte sowohl aus der Verpflichtung herauszukommen als sich auch die Option für eine erneute Kandidatur für den Bundestag offen zu halten. Die belastenden und ärgerlichen Auseinandersetzungen mit den Bürokraten des Auswärtigen Amtes über seine finanzielle Absicherung trübten seine Stimmung. Unglücklicherweise drängte die Zeit und das Vakuum in Eimsbüttel rief Wettbewerber auf den Plan – z.B. Reinhard Hofmann, der schon bald erklärte, die Kandidatur von der Plattform des Kreisvorsitzenden aus anzustreben, um den Platz für Peter Blachstein nach seiner erwarteten Rückkehr besetzt zu halten. Dies sagte er natürlich nicht öffentlich. Das war aber ein abgekartetes Spiel.

In der Zwischenzeit hatten Sie sich entschieden, als Kandidat für das frei gewordene Bundestagsmandat anzutreten. Wie ist es dazu gekommen?
Ich war als Dozent für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik (wissenschaftlicher Oberrat) an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg tätig, hatte eine wachsende Familie und fühlte mich in meinem Beruf sehr wohl. Eigentlich hatte ich überhaupt kein Interesse an dem Mandat. Ich hatte nie davon geträumt in den Bundestag einzuziehen. Aber als Blachstein im Sommer 1968 nach Belgrad ging und der Wahlkreis frei wurde, musste innerhalb der SPD nach einem Kandidaten für die Bundestagswahl in 1969 gesucht werden. Da fragte mich Kurt Jakobs, Mitglied im Distriktsvorstand Eimsbüttel-Süd, ob ich nicht kandidieren wolle. Und ich erwiderte: „Was wollte ihr? Ich soll Kandidat für den Bundestag werden? Mir genügt es in der Bezirksversammlung in Eimsbüttel zu sitzen.“ Doch die Sache bekam ihre eigene Dynamik. Plötzlich sagte eine ganze Reihe von Mitgliedern: „Warum nicht? Der hat einen Doktor und einen amerikanischen Universitätsabschluss. Den können wir vorzeigen. Den unterstützen wir.“ Mein Lebenslauf wurde hektographiert und in der Partei weit gestreut. Dadurch, dass auch der damalige Eimsbütteler Kreisvorsitzende Reinhard Hoffmann schnell erklärte das von Blachstein hinterlassene Vakuum ausfüllen zu wollen, war der Krach und die Auseinandersetzung programmiert.

Können Sie uns das genauer schildern?
Hoffmann bat mich mit ihm einen Kaffee zu trinken, nachdem er gehört hatte, dass im Zuge der Kandidatensuche mein Name gefallen war. Er warnte mich davor zu kandidieren, da Blachstein wieder zurückkommen würde. Bis dahin wusste das noch niemand, wahrscheinlich nur Hoffmann als engster Vertrauter Blachsteins. Er nahm mich in die Pflicht, diese Information für mich zu behalten. Ich empfand es als unerhört, wie die beiden mit einem öffentlichen Amt umgingen. Brandt hatte das größte Vertrauen in Blachstein gesetzt, alle haben ihn gelobt – und schon bald bittet er einen Parteifreund seinen Hut in den Ring zu werfen, um das Mandat für ihn zu blockieren. Ich meinte: So spielt man zum einen nicht mit dem Vertrauen von Willy Brandt und zum anderen darf man nicht jemanden vorschicken, um den Raum frei zu halten, bis man zurück ist. Reinhard Hoffmann sagte noch zu mir: „Die Leute, die dich vorgeschlagen haben, wollen dich bloß verschleißen.“ Mit „den Leuten“ meinte er diejenigen, die sowieso gegen Blachstein waren. Ich selbst war gar nicht gegen ihn und habe mich auch Ideologisch nicht einspannen lassen, von keiner Seite.

Hatten Sie keine Hemmungen gegen Ihren langjährigen Bundestagsabgeordneten anzutreten? Auch nicht als Blachstein wieder offiziell zurück in Hamburg war?
Um mir keine Vorwürfe machen zu müssen, habe ich natürlich nach Rechtfertigungen gesucht. Aber wenn jemandem mit seinem Adjutanten abkaspert, dass dieser den Platzhalter spielt bis er zurück kommt und beide den Hut wechseln können, dann ist das würdelos – und eine weitere Rechtfertigung meines Vorgehens, zumal ich von einer außergewöhnlich breiten Zustimmung ermuntert wurde. Ich habe mich doch nicht irgendwo auf den Tisch gestellt und herausgerufen, dass ich Abgeordneter werden will. Im Gegenteil! Auf den Ursprung des Konfliktes zurückkommend: Es war an einem wunderbaren Sommertag im Juli, die Vögel zwitscherten, die Linden blühten und Kurt Jacobs sagte: „Wir haben einen freien Posten. Willst du nicht Kandidat werden?“ Außerdem war Blachstein nicht unumstritten in Eimsbüttel. Trotz seiner großer Basis innerhalb seines eigenen Bezirks gab es schon immer Widerstand gegen manche Aspekte seiner Politik. So wendeten sich immer mehr Genossen mir zu. So viele, dass ich davon ausgehen konnte, genügend Delegierte auf der Kreisdelegiertenversammlung im Hamburg-Haus auf meiner Seite zu wissen. Davor gewann ich übrigens zwei Abstimmungen ganz klar: In der Findungskommission und im Kreisvorstand.

Obwohl Sie vom Kreisvorstand vorgeschlagen wurden, war es dann jedoch Peter Blachstein, der mit 71 zu 55 Stimmen die Wahl auf Kreisebene für sich entscheiden konnte.
Und danach war ich erst mal für alle erledigt – auch für mich selbst. Aber die Diskussion ging weiter. Letzen Endes musste auf dem Landesparteitag entschieden werden, wer das Mandat erhalten sollte. Und dieser war erst Anfang März 1969. Unsere Auseinandersetzung in Eimsbüttel fand aber schon im Dezember 1968 statt. In den vier Monaten, die dazwischen lagen, hat sich in Eimsbüttel herausgestellt, dass viele gar nicht damit einverstanden waren, Blachstein erneut in den Bundestag zu wählen. Und auch Reinhard Hoffmann, der ebenfalls noch nicht ganz aus dem Rennen war, schien für viele keine Option. Auf dem Landesparteitag folgte eine anstrengende Schlacht um die Kandidatur. Ich glaube, es war die aufreibendste Auseinandersetzung über eine Kandidatenwahl zum Bundestag seit seiner Gründung. Peter Blachstein wurde trotz Empfehlung aus dem Kreis Eimsbüttel im ersten Wahlgang nicht von den Landesdelegierten gewählt. Daraufhin trat er nicht erneut zur Wahl an, wohl aber Reinhard Hoffmann, Claus Arndt und sogar Ulli Klose. Keiner erreichte eine Mehrheit. Es hat 5 Stunden gedauert, diese Kandidatur zu bestimmen. So schwierig war das. So verfahren war die Situation. Am Ende konnte man sich auf mich einigen. Ich war der neue Kandidat für Eimsbüttel.

Welche Lehren kann man aus diesen Erfahrungen ziehen?
In einer Demokratie muss es Wettbewerb um Positionen geben. Immer. Aber unter bestimmten Umständen führt der Wettbewerb um eine herausragende Position zu großen Zerreißprozessen innerhalb der Mitgliedschaft. Es bilden sich Gruppierungen, die sich gegenseitig bekämpfen und den Gesamteindruck dieser Partei negativ beeinflussen können. Die einen sagten: „Der Nölling ist gut. Aber der Blachstein hat Willy Brandt in die Pfanne gehauen und die Außenpolitik Deutschlands beschädigt.“ Die anderen sagten: „Der Nölling will nur auf Kosten Blachsteins was werden, während Blachstein doch ein guter und respektierter Abgeordneter war.“ Besonders problematisch werden Kämpfe um Mandate, wenn es sich um zwei etwa gleich große Gruppen handelt. Wenn eine Gruppe nur 1/3 der Mitglieder oder Delegierten auf ihrer Seite weiß, wird sie keinen großen Krach machen, da sie keine Chance zu gewinnen hat. Wenn etwa 2/3 der Mitgliedschaft oder Delegierten für einen Kandidaten sind, dann kommt es unter Umständen erst gar nicht zu einem „schädlichen“ Wettbewerb. Wenn die Situation aber 55 zu 45 steht und richtig „getrommelt“ wird, dann kann die Sache in jede Richtung kippen. Diese Prozesse, die mit dem Wettbewerb um eine Spitzenposition in Gang kommen, wenn die Gruppen verschiedener Wettbewerber etwa gleichgroß sind, können vernichtend sein. Am Ende kann davon eine ganze Partei kaputt gehen.

Und wie sehen Sie Ihren Anteil daran?
Ich bin bis heute stolz darauf, dass es nach meinem Dazwischentreten keine zerstörerischen, die Parteiarbeit lähmenden Langzeiteffekte in Eimsbüttel gegeben hat. Das lässt sich daran ablesen, dass ich sowohl zweimal zum Kreisvorsitzenden als auch im Jahre 1972 erneut ohne Gegenkandidaten zum Bundestagskandidaten gewählt wurde – und zwar mit steigenden Ergebnissen. Diese waren Spitze in Hamburg und beruhten auf den gemeinsamen Anstrengungen aller Gruppierungen in der Partei, die zu meiner Zeit organisatorisch und vor allem auch finanziell in Ordnung gebracht worden war.

Glauben Sie, dass damals auch ein Generationenwechsel eine Rolle gespielt haben könnte? Blachstein war damals schon Ende 50.
Nein, ich würde dort nicht noch mehr hinein interpretieren. Da ging es nicht um die Ablösung eines Älteren durch einen Jüngeren. Das war das Ergebnis einer Versagenssituation eines Mannes, der das Mandat freigegeben hatte, so dass sich jeder darum balgen konnte. Mit dem Vertrauensbruch gegenüber Brandt hat er der Partei – und der Öffentlichkeit – zu viel zugemutet. Er hat einen großen Fehler begangen, über den er dann gestolpert ist. Denn zuvor war er so fest in der Partei installiert, dass er möglicherweise noch bis an sein Lebensende Abgeordneter geblieben wäre.


bs2_k
Dr. Wilhelm Nölling (geb. 1933) war von 1969 bis 1974 sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Eimsbüttel und gehörte von 1974 bis 1982 in unterschiedlichen Funktionen dem Hamburger Senat an. Bis 1992 fungierte er zehn Jahre lang als Präsident der Hamburger Landeszentralbank. Mit seinem Sieg auf der Landesdelegiertenkonferenz im März 1969 beendete er die politische Karriere Peter Blachsteins.