Blachstein

Das großzügige linke Gewissen

Im Gespräch mit Enya und Laura beschreiben der Sekretär und Freund Peter Blachsteins Uwe Tietze gemeinsam mit seiner Frau Annelie Tietze den ehemaligen Chef als großzügigen, kulturinteressierten Menschen, den die Tortur im KZ, die Erfahrungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die dortige Folter und das ständige Leben auf der Flucht stark geprägt und sein Verhältnis zu Judentum und Familie beeinflusst haben.

Das großzügige linke Gewissen
Im Gespräch mit Enya Bohn und Laura Watkowski beschreiben der Sekretär und Freund Peter Blachsteins Uwe Tietze gemeinsam mit seiner Frau Annelie Tietze den ehemaligen Chef als großzügigen, kulturinteressierten Menschen, den die Tortur im KZ, die Erfahrungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die dortige Folter und das ständige Leben auf der Flucht stark geprägt und sein Verhältnis zu Judentum und Familie beeinflusst haben.

Herr und Frau Tietze, Sie waren Peter Blachstein nicht nur beruflich sondern auch privat sehr verbunden. Welche Einstellung hatte er zur Religion?
Uwe Tietze: Auf seine jüdische Herkunft hat Blachstein nie Wert gelegt. Auch wenn er in seiner frühen Jugend Gruppen- und später sogar Bundesführer eines jüdischen Jugendbundes war, erkannte er sehr bald, dass dies nicht das war wofür er arbeiten wollte. So kam er schon relativ früh zur Sozialdemokratie bzw. zu deren Abspaltung, der SAP. Er sah sich als einen linken Sozialisten, der jüdischer Herkunft war. Aber Glaube und Religion spielten für ihn überhaupt keine Rolle. Er sagte selbst, dass – falls er jemals an den lieben Gott geglaubt haben sollte –, ihm dies spätestens die Nazis aus dem Körper herausgeprügelt hätten.

Hat Peter Blachstein Ihnen von der Gewalt berichtet, die er erfahren musste?
Uwe: Wir haben ein wenig über seine Haftzeit in Dresden gesprochen. In dem Polizeigefängnis, das seltsamerweise schräg gegenüber seinem Wohnhaus lag, haben ihn zwei Polizisten fürchterlich verprügelt, drangsaliert und die Nase eingeschlagen. Als er mir davon berichtete, habe ich es das einzige Mal erlebt, dass etwas wie Hass in ihm hoch stieg. Nach dem Krieg hat er sogar versucht die beiden Polizisten, die ihm dies angetan haben, zu finden. Die wollte er dingfest machen und vor Gericht bringen. Er hat Nachforschungen betrieben und musste feststellen, dass beide schon 1939 während des Krieges in Polen ums Leben gekommen sind. Damit war die Sache für ihn abgeschlossen.

Was hat er Ihnen vom KZ Hohnstein berichtet?
Uwe: Aus seiner Zeit im KZ sind ihm zwei Dinge als besonders wichtig in Erinnerung geblieben: Der Zusammenhalt zwischen den Häftlingen und die Kraft, sich selbst nicht aufzugeben. Denn diejenigen, die sich selbst aufgegeben haben, sind auch körperlich verfallen. Er hat mir von den schlimmsten Drangsalierungen berichtet – aber auch vom Besuch einer Kommission des Internationalen Roten Kreuzes in Hohnstein. Diese wurde von den Nazis eingeladen, um sich davon zu überzeugen, wie ‚toll’ die Konzentrationslager aufgebaut und organisiert waren und wie gut es den Häftlingen ging. Die Lagerleitung hat den Repräsentanten des Roten Kreuzes regelrecht eine Show vorgeführt – und diese sind darauf reingefallen. Sie haben tatsächlich geglaubt, dass es den Häftlingen entsprechend den internationalen Konventionen gut gehe im KZ.

Blachstein ist es allerdings gelungen dem KZ zu entkommen.
1934 ist er aufgrund der Hindenburg-Amnestie, die nach dem Tod des damaligen Reichspräsidenten ausgerufen wurde, aus dem KZ Hohnstein entlassen worden. Aber schon im Winter des gleichen Jahres erhielt er eines Abends über einen befreundeten Nachbarn den Hinweis, dass am darauffolgenden Tag die Polizei kommen und ihn abholen wolle. Dieser Freund muss die Information wiederum über einen Verwandten aus der Polizei erhalten haben, der die Liste der anstehenden Verhaftungen gesehen hatte. So ist dann Blachstein ohne Pass – zu der Zeit hatte er keinen Ausweis – mit Skiern in die Tschechoslowakei geflüchtet.

Nach seiner Flucht in die Tschechoslowakei, ging er im Herbst 1935 nach Oslo, wo er gemeinsam mit Willy Brandt für die Jugendorganisation des Londoner Büros, einem Zusammenschluss linkssozialistischer und unabhängiger kommunistischer Parteien, arbeitete. Von dort aus reiste er im November 1936 er nach Spanien, um im Spanischen Bürgerkrieg für die POUM an der Seite der republikanischen Armee zu kämpfen. Hat er Ihnen jemals etwas über seine Zeit dort erzählt?
Uwe: Wenn ich jetzt erzählen würde, wie oft, lange und tief wir uns über den Spanischen Bürgerkrieg unterhalten haben, würden wir wahrscheinlich noch morgen früh hier sitzen. Das war ein ganz wichtiger Abschnitt im Leben von Peter Blachstein und wir haben uns sehr oft über die Zeit unterhalten – mit dem Ergebnis, dass ich inzwischen eine eigene Bibliothek über den Spanischen Bürgerkrieg angesammelt habe, die fast alles, was in deutscher Sprache hierzu erschienen ist, beinhaltet. Das Meiste habe ich auch gelesen.

Lassen Sie uns an Ihrem Wissen teilhaben? Können Sie uns beispielweise von seiner Flucht berichten?
Die Flucht aus Spanien? Peter Blachstein war dort wie gesagt Mitglied der POUM – die übrigens völlig zu Unrecht von der kommunistischen Partei als sogenannte trotzkistische Vereinigung gebrandmarkt wurde. Er ist in Barcelona entweder von russischen Geheimagenten oder spanischen Kommunisten verhaftet worden. Weil er aufgrund seiner TBC Erkrankung schwer angeschlagen war, kam er in ein Sanatorium. Dort hat er einen spanischen Anarchisten kennengelernt, der ihm versprach, dass ihn seine Freunde dort herausholen würden und Blachstein gemeinsam mit ihm flüchten könne. Und so ist es auch geschehen: Anarchisten sprengten das Gebäude, in dem die Akten der Häftlinge lagerten. Da sich die Patienten in dem Sanatorium relativ frei bewegen konnten, haben sie vom Verschwinden der Akten erfahren und sind geflohen.

Was ist danach geschehen?
Die Umstände der Flucht kenne ich nicht genau, weiß aber inzwischen von Herrn Dr. Heid, der an einer Blachstein-Biografie arbeitet, dass er sich noch etwa 14 Tage bei einem Emigrantenehepaar aufgehalten haben muss. Von Blachstein selbst weiß ich, dass er danach nach Barcelona ist, um sich die für eine Flucht notwendigen Visa zu beschaffen. Er wollte unbedingt nach Paris zu seinem Freund Walter Fabian, um von dort aus weiter nach Norwegen zu gelangen. Dafür benötigte er ein französisches Visum. Der französische Konsul in Barcelona wollte ihm dieses aber nicht ausstellen. Er bot ihm jedoch ein Transitvisum unter der Bedingung an, dass Blachstein ein Endvisum für ein anderes Land vorzeigen könne. Er musste also sagen: „Ich will nach England, Holland oder Belgien, habe ein Visum für dieses Land und werde dort auch hinreisen. Ich brauche mein französisches Visum nur, um durchreisen zu können.“

Allerdings hatten in Barcelona inzwischen viele Konsulate die strikte Anweisung, überhaupt keine Visa mehr zu erteilen. Der holländische Generalkonsul hat sich über dieses Dekret hinweggesetzt und Blachstein ein Visum ausgestellt – gegen das Versprechen, dieses nur zu nutzen, um das französische Visum zu erhalten. So ist es dann auch geschehen. Nachdem er das französische Visum bekommen hatte, ist er über die Pyrenäen nach Frankreich gereist. Nach einigen Wochen bei Walter Fabian in Paris, ist er dann nach Oslo aufgebrochen.

In Oslo begann er Ökonomie, Geschichte und Literaturwissenschaft zu studieren und setzte dies nach der deutschen Besetzung Norwegens 1943 im schwedischen Uppsala fort. Im April 1947 kehrte er – als einziges Mitglied seiner Familie – nach Deutschland zurück. Was haben Sie über das Verhältnis zu seiner Familie erfahren?
Uwe: Peter stand in einem ständigen Briefwechsel zu seiner Familie, die in den USA lebte. Zum Teil hatte er auch Besuch von ihnen. Seine Schwester Bella lebte in New York und war ab und an in Hamburg, wo ich sie auch kennengelernt habe. Seine damals schon hochbetagte Mutter und sein Bruder waren meines Wissens niemals in Hamburg.

Sie haben schon von dem Sanatoriums-Aufenthalt Blachsteins in Spanien berichten. War seine TBC Erkrankung auch Grund dafür, dass er 1969 nach knapp einem Jahr als Botschafter aus Jugoslawien zurückkehren musste?
Uwe: Er ist nicht als gesunder Mensch nach Belgrad gegangen. Aufgrund seiner langen Haftzeiten hatte er schwere körperliche Schäden, die nicht mehr heilten. Hinzu kam das Belgrader Klima, das ihm sehr zusetzte. Nach einem Jahr wusste er, dass er dies kein zweites Jahr aushalten würde. Und auch sein Hamburger Lungenfacharzt, Professor Hein, hat ihm geraten die Tätigkeit in Belgrad aufzugeben.

Herr Tietze, was waren Blachsteins politische Ziele und Absichten?
Uwe: Blachstein war ein linker Sozialist. Das war er sein ganzes Leben. Jedoch wurde er mit dem Alter abgeklärter. Er musste feststellen, dass bestimmte Positionen aus seiner Jugendzeit nicht so umzusetzen waren, wie ursprünglich gedacht. Dennoch blieben die Zielen die gleichen – wie das Streben nach einer langfristig anderen Einkommens- und Vermögensverteilung. Er war zudem ein unbeirrbarer Demokrat, für den die Wiedervereinigung das oberste Ziel blieb, während wir jungen Leute uns damals meist mit der Existenz von zwei deutschen Staaten abgefunden hatten. Er war da aber ganz eisern. Dafür hat er Dinge akzeptiert, die von vielen anderen noch lange angezweifelt wurden. Beispielsweise die Oder-Neiße-Grenze, die besagt, dass die ehemaligen Gebiete Deutschlands dauerhaft an Polen „verloren“ waren. Wichtig war für ihn auch, dass das Verhältnis der SPD zu den Gewerkschaften immer sehr positiv zu gestalten sei. In Bezug zur Aufrüstung und der Einrichtung der Bundeswehr hatte er ein sehr ambivalentes Verhältnis: Auf der einen Seite empfand er die Bundeswehr als integratives Element im Westen, auf der anderen Seite war er ganz klar gegen Atomwaffen, teilweise auch in der Anti-Atombewegung engagiert. Für viele war er das linke Gewissen in der Partei.

Sie hatten nicht nur die Chance Peter Blachstein als politische Person, sondern auch privat näher kennen zu lernen. Können Sie uns einige persönliche Eigenschaften Blachsteins nennen?
Annelie: Optisch war er ein sehr eleganter Mann, der außerordentlich interessiert an Kunst war. Er besaß eine große Sammlung an Grafiken, die wir oft bewundern durften. Ich hatte zudem häufig das Vergnügen, von ihm ins Theater eingeladen zu werden. Er hat uns all das zur Verfügung gestellt, was er nicht brauchte. War er unterwegs, durften wir, die in den ersten zwei Jahren noch keine eigene Wohnung hatten, unsere Freunde mit in seine Wohnung bringen, um einen schönen Abend zu verbringen. Und das haben wir auch getan. Diese Großzügigkeit habe ich sehr geschätzt. Das war nicht selbstverständlich. Zudem war er ein guter Gastgeber, lud mich auch ein, wenn seine Künstler-Freunde zu Besuch waren. Zu der Zeit als ich ihn kennenlernte, war er im Rundfunkrat und hatte Freunde häufiger zu Gast. Die Gespräche waren immer interessant, wobei ich mehr gelauscht als mich beteiligt habe. Er hat uns in diese Kreise miteinbezogen, wodurch wir teilweise noch heute Kontakt mit den Freunden von damals haben.

Wissen Sie was er als freier Publizist veröffentlicht hat und welche Themen er dabei angesprochen hat?
Uwe: In den Jahren, in denen ich für ihn gearbeitet habe, schrieb er sehr viele Buchbesprechungen. Meist besprach er Bücher über den Spanischen Bürgerkrieg, beispielsweise aber auch ein Buch, das Helmut Schmidt über die Fragen der Bundeswehr und Landesverteidigung veröffentlicht hatte. Da es eines seiner Arbeitsbereiche war, hat er auch sehr viel über die Freiheit des Journalismus, des Rundfunks und der Presse geschrieben. Die meisten Dinge hat er in gewerkschaftlichen Monatsheften veröffentlicht, aber auch in anderen Wochen-, und Monatszeitschriften.

Was ist Ihnen von Ihrer letzten Begegnung mit Blachstein in Erinnerung geblieben?
Annelie: Unsere letzte Begegnung fand wenige Monate vor seinem Tod 1977 bei ihm zuhause statt. Da war unser zweites Kind gerade geboren. Wir hatten das Baby auf dem Arm und Peter hatte uns zum Abendessen eingeladen. Leider war unser Sohn so unruhig, dass er die meiste Zeit schrie. Peter hat das aber nicht im Mindesten gestört, weshalb wir dennoch einen schönen Abend miteinander verbracht haben. Da wussten wir natürlich nicht, dass es der letzte Abend sein würde. Er war sehr kinderfreundlich…

Aber wie kam es dann, dass er keine eigene Familie, keine eigenen Kinder, hatte?
Annelie: Das kann ich nicht mit Gewissheit sagen, obwohl ich mir darüber natürlich Gedanken gemacht habe. Er hatte ja alles, um eine nette Frau zu finden. Ich nehme an, dass es sein Lebensweg war, der ihn daran hinderte. Von seiner früher Jugend an war er mehr oder weniger auf der Flucht. Er hatte kein ruhiges Leben. Und als er in Hamburg sesshaft wurde, war er schon sehr von seiner Krankheit beeinträchtigt.

Was denken Sie darüber, dass immer wieder behauptet wird, er sei Homosexuell gewesen?
Uwe: Darüber kann ich mich nur aufregen. Schon bei dem Vortrag von Dr. Heid in der Geschichtswerkstatt in Eimsbüttel wurde eine Art Dreieinigkeit formulierte. Peter Blachstein: Jude, linker Sozialist und Homosexueller. Als wir das hörten, waren wir sehr erstaunt. Das scheint wohl ein Gerücht aus der Zeit der Auseinandersetzung um die Bundestagskandidatur 1968/1969 gewesen zu sein. Für mich war das Anlass, alle noch in Hamburg lebenden Freunde Blachsteins zu befragen – allesamt waren sie sehr erstaunt über diesen Hinweis Dr. Heids, den dieser auch in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung in einem Gedenkartikel zum 100. Geburtstag von Blachstein publiziert hat (Anmerkung 18.11.2014: In seiner unlängst veröffentlichten Biografie über Peter Blachstein bedauert Dr. Heid sehr, hier Fehlinformationen ohne eigene Nachprüfung übernommen zu haben). Ich bin nochmal in die Literaturrecherche gegangen und habe einen Artikel über Blachstein in dem biographischen Lexikon „Mann für Mann“ gefunden. Daraufhin habe ich begonnen mit dem Herausgeber des Buches und dem Autor des Artikels zu kommunizieren. Der Autor, Raimund Wolfert, teilte mir mit, dass er seine Information aus Skandinavien hätte, woraufhin ich einen Professor in Schweden, der den entscheidenden Hinweis gegeben haben soll, sowie einen weiteren Professor in Oslo angeschrieben habe. Von beiden habe ich inzwischen eine Antwort: der Professor aus Oslo gab an, dass zwar eine norwegische SAP-Genossin etwas angedeutet haben soll, dies aber nicht handfest und mehr oder weniger nur ein Gerücht gewesen sei. Beide angeschriebenen Professoren konnten Blachsteins angebliche Homosexualität also nicht bestätigen. Und heute hat mir der Autor des Artikels aus „Mann für Mann“ geschrieben, dass er in der nächsten Ausgabe des Lexikons darauf drängen wird, dass dieser Artikel herausgenommen wird. Aus welchen Gründen man dieses Gerücht aufgebracht hat, weiß ich allerdings nicht (Anmerkung 18.11.2014: Fakten sollten ohne Zweifel stimmen, deshalb die Nachforschungen. Wäre Peter Blachstein homosexuell gewesen, wäre das auch in Ordnung).

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Wer war Peter Blachstein für Sie?
Uwe: Er war zuerst mein Chef, später ein guter Freund – und in vielen Bereichen auch ein Vorbild.
Annelie: Ich habe ihn bewundert. Ich habe nie erlebt, dass er über irgendetwas geklagt hat. Diesen Lebensweg zu haben, sich so einzusetzen wie er es getan hat, unverdrossen immer weiter zu machen, weiter zu kämpfen – das hat mich außerordentlich beeindruckt.

Dann bedanken wir uns für dieses sehr aufschlussreiche Interview.

 


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Uwe Tietze, Jahrgang 1943, war lange Jahre der Sekretär Peter Blachsteins. Er kam 1964 nach Hamburg, studierte und heiratete dort und fühlt sich auch heute noch recht wohl in der Stadt. Uwe & Annelie Tietze waren Blachstein während der beruflichen Zusammenarbeit und auch darüber hinaus freundschaftlich verbunden und beide erzählen von den privaten Seiten des Politikers Blachstein.