Blachstein

Der linke Schlipsträger

Im Gespräch mit Mert und Jakob erklärt Jürgen Näther wie Peter Blachstein Sekretärinnen zu überzeugen wusste, mit studentischen Ideen umging und seine jüdische Identität als Angriffsfläche empfand.

Herr Näther, in welcher Situation haben Sie Peter Blachstein kennengelernt?
Soweit ich mich entsinnen kann, sah ich Peter Blachstein das erste Mal Ende der 60er Jahre auf einer privaten Party von Leuten, die überwiegend der SPD angehörten. In dieser Truppe von ganz jungen Menschen, wirkte der in der Ecke sitzenden Peter Blachstein wie vom falschen Planeten. Wer ihn eingeladen hatte und wer wie zu ihm gehörte, dass wusste ich damals nicht. Ich habe mich über ihn erkundigt und erfahren, dass er der Vorsitzende der Eimsbütteler SPD, meines Kreises, war. So lernte ich also meinen Kreisvorsitzenden kennen.

Welchen Eindruck machte Blachstein denn damals auf Sie? Wie war sein äußeres Erscheinungsbild?
Er war ein sehr zurückhaltender, in seinem Auftreten bescheidener, Mensch – aus unserer damaligen Sicht spießig gekleidet. So ein richtiger Schlipsträger. Das Mindeste, was man damals erwartete war ja ein Rollkragenpullover. Den Gefallen tat er einem aber nur selten. Ein Mal wurde in seiner Umgebung darüber geredet, wie sein Wahlplakat zu gestalten sei. Insbesondere einige junge Leute meinten ihm sagen zu müssen, er sehe aus wie ein Oberbuchhalter, der gar nichts Progressives ausstrahle und keine Wirkung auf junge Leute besäße. Darauf hat er geantwortet: „Ihr müsst daran denken, wer uns wählen soll. Das sind nicht vorrangig junge Intellektuelle. Die Masse der Bevölkerung besteht aus kleinen Leuten und wir als SPD zielen genau auf diese Gruppe. Es ist nicht so wichtig, dass mich der AStA-Vorsitzende mag, sondern die Sekretärin. Und deswegen ist es völlig in Ordnung, dass mein Aussehen – das für euch spießig erscheint – so ist, wie es ist.“ Er war ein Typ, der sich weder verstellen wollte, noch konnte. Das imponierte uns damals sehr.

War Blachstein für Sie ein „normaler“ Politiker?
Der normale Typ Politiker ist jemand, der sich selber gerne darstellt wie ein Schauspieler und interessiert an seiner öffentlichen Wirkung ist. Grundsätzlich ist das gar nicht verkehrt, denn es gehört zu einem großen Teil zum politischen Geschäft dazu. Wenn man diese Neigung nicht hat, dann ist man für den Job wenig geeignet. Aber Peter Blachstein war nicht so ein Typ – und trotzdem ein erfolgreicher Politiker.

Inwiefern hat Blachstein Ihrer Meinung nach die SPD geprägt oder verändert?
Sein Ziel war eher, dass sich die SPD nicht zu sehr verändert. Er war ein sozialdemokratischer, sozialistischer Traditionalist. Ihm haben viele der Neuerungen nicht gepasst, wie zum Beispiel die zunehmende Öffnung hin zum wirtschaftlichen Liberalismus. So war der damalige sozialdemokratische Wirtschaftsminister Karl Schiller nicht gerade einer, der den konzeptionellen Vorstellungen Peter Blachsteins entsprach. Insofern kann man die Frage „Wie hat er die Partei verändert?“ nicht beantworten, da er sie eigentlich erhalten und bewahren wollte – was ihm nur zum Teil gelungen ist. Denn sie hat sich verändert.

Mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) sind viele junge Menschen, besonders Studenten, Ende der 60er Jahre für gesellschaftliche Veränderungen auf die Straße gegangen. Sie waren damals Vorsitzender der Jungsozialisten (Jusos). Wie stand Blachstein zu dieser Bewegung?
Peter Blachstein war natürlich interessiert daran, was sich in der Studentenschaft und darüber hinaus an neuer Linker formierte. Diese begriff er sicherlich als strategische Partnerschaft. Andererseits muss ihm der antiautoritäre Habitus der studentischen Linken auch fremd gewesen sein: Sich gegenseitig nicht ausreden zu lassen, durch Geräuschkulisse Diskussionen zu beeinflussen, denjenigen, den man nicht mag, nieder zu brüllen oder etwa „Go-Ins“ bei Vorlesungen von Professoren, die man auf diese Art und Weise kritisieren wollte – das war alles nicht seine Welt. Er war der Typ der intellektuellen Auseinandersetzungen. Die neuen Formen, die von Amerika nach Deutschland herüberschwappten und sich etablierten, waren für ihn – wie für fast alle Genossen seiner Altersklasse – eine neue Welt.

Kann man sagen, dass sich Blachstein – eben weil er sich nicht mit der radikalen Herangehensweise der 68er identifizierte – nicht in sie einmischte?
Er hat schon zu einzelnen Personen aus dieser Szene Kontakt gehabt. Es ging mehr um methodische als ideologische Differenzen. Blachstein war ein gestandener Linker und musste sich von den jungen Leuten nichts vormachen lassen. Nur die Art des Auftretens und Umgangs mit politisch anders Denkenden war ihm, wohl auch aufgrund seiner Erfahrungen aus der Weimarer Zeit und aus der Nazi-Gesellschaft, suspekt. Ich weiß nicht, ob er das selber jemals so gesagt oder gedacht hätte, aber was Habermas damals als linken Faschismus bezeichnete, hätte auch von ihm als Kritik kommen können.

In welchen politischen Fragen wurden Blachsteins Standpunkte deutlich?
Das hat sich im Gebrauch bestimmter Begriffe festmachen lassen, durch die er Signale setzte sobald er im größeren Kreise diskutierte. In dieser Art und Weise agieren heutzutage noch viele. Sie verwenden bestimmte Vokabeln, mit denen sie signalisieren: „Ich komme aus dieser bestimmten Denkrichtung.“ Dieses Instrument hat Peter Blachstein häufig genutzt und beherrscht. Aber explizite, programmatische Ausführungen zusammenfassender Art sind mir von ihm nicht bekannt.

Wissen Sie warum Blachstein trotz seiner schlimmen Erlebnisse in der NS-Zeit und seiner langen Zeit im Exil nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt ist, um gleich wieder politisch aktiv zu werden?
Wenn ein Naturwissenschaftler, Mediziner oder Ingenieur sich im Ausland aufhält und beruflich verankert ist, liegt es nahe, dass er bleibt. Aber wenn man seine Wurzeln im deutschsprachigen Raum hat, besteht fast keine Alternative zur Rückkehr – solang man dies gefahrlos und mit Aussicht auf eine produktive Arbeitstätigkeit tun kann. Dies haben viele Emigranten getan. Herbert Wehner ist ein weiteres Beispiel aus Hamburg. Und obwohl Willi Brandt nicht aus Hamburg ist, zählt auch er als prominentes Beispiel dieser Gruppe politisch Aktiven, für die eine Rückkehr selbstverständlich war: „Zur Not gehen wir dahin, von wo wir verjagt worden sind, aber wo wir jetzt eine neue Chance sehen einen Neuanfang zu machen – in der Hoffnung, dann auch unsere sozialistischen Ideen einfließen lassen zu können.“

Peter Blachstein war Jude. Hat das innerparteilich eine Rolle gespielt? Wurde er beispielsweise als jüdischer Abgeordnete dargestellt?
Nein, das war nicht wahrnehmbar und kein Thema. Ich selber habe erst spät realisiert, dass er jüdischer Herkunft war. Mich hat auch nie wirklich interessiert, ob er aus einer jüdischen Familie kam oder nicht. Dies war für mich so uninteressant wie die Frage ob jemand katholisch oder evangelisch war. Und darüber ist auch so gut wie nie geredet worden.

Aber während des Wahlkampfs um das Bundestagsmandat gegen Wilhem Nölling hat Peter Blachstein sich als Jude angegriffen gefühlt.
In der Auseinandersetzung um sein Mandat hatte er zwischenzeitlich den Eindruck, dass gegen ihn auch vor dem Hintergrund antisemitischer Ressentiments argumentiert wurde. Diese gab es natürlich damals sowie es sie auch heute noch gibt. Man wäre blind, wenn man nicht wahrnehmen wolle, dass sich auch Teile der SPD hiervon nicht ganz frei machen konnten. Im Falle Blachsteins habe ich hierfür jedoch keine Belege finden können und wenn ich mich richtig erinnere hat er sich zu einem späteren Zeitpunkt für den Verdacht entschuldigt. Er hat gesagt, dass es wohl eine Fehlinterpretation seinerseits gewesen sei und dies durch verständliche aber überzogene Empfindlichkeit begründet. Ich würde sagen, dass es in kleinen Teilen so etwas gab, aber es blieb ihm nichts anderes als der Rückzug übrig, da er keine Beweise hatte.

1968 wurde Peter Blachstein erster deutscher Botschafter in Jugoslawien und gab aufgrund dessen sein Bundestagsmandat auf. Wie empfanden Sie es, als er nach einem Jahr wieder aus Jugoslawien zurück kam und erneut für den Bundestag kandidieren wollte?
Meine Freunde von der Eimsbütteler Linken und ich haben uns damals auf der einen Seite gefreut, dass jemand wie Blachstein wieder aktiv in der Politik tätig werden wollte und aus dem diplomatischen Dienst zurückkam. Andererseits haben wir uns ein bisschen über seinen selbstverständlichen Habitus geärgert: „Nun bin ich wieder da und jetzt bin ich wieder die Nummer 1.“ Wir hätten uns gewünscht, dass er weiter eine große Rolle als ‚Elder Statesman’ spielte, aber trotzdem rechtzeitig den Staffelstab an jemand anderen übergibt. Ich habe das damals unter die Kategorie Eitelkeit oder Nicht-Loslassen-Können eingeordnet. Seine Rückkehr aus Belgrad erschien vielen und möglicherweise auch ihm selbst ein bisschen als Niederlage und Versagen. Eine erfolgreiche Rückkehr in den Bundestag, wäre ein Stück Genugtuung gewesen. Aber es hätte einen würdigeren Schlusspunkt geben können – für ihn und für uns.


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Dr. Jürgen Näther ist ehemaliger Leiter des Amtes für Kindertagesbetreuung der Behörde für Schule und Berufsbildung und Vorsitzender des SPD-Distrikts Mühlenkamp. Zuvor gehörte er dem Landesvorstand der Hamburger SPD an.