Blachstein vom NDR

Die streitbare Kämpfernatur

Der ehemalige Hamburger Bürgermeister und Bundestagsabgeordnete Hans-Ulrich Klose sprach mit Sinja und Jana über das Leben nach der Politik, Blachsteins Probleme mit den Parteirechten und seine Faszination für das Tito-Regime.

Sie haben Peter Blachstein als Parteigenossen kennengelernt. War er Ihnen sympathisch?
Er war eine Kämpfernatur. Er war streitbar und konnte sehr harsch sein. Seine Meinung war immer richtig und durfte nicht angefochten werden. Allerdings war er jemand, den man respektierte. Wenn er redete, hörte man zu. Der Name Peter Blachstein war für mich schon ein Begriff, bevor ich selbst politisch aktiv wurde.

Haben Sie Herrn Blachstein während Ihrer Zeit in der SPD näher kennengelernt?
Ja, in der Tat. Als ich 1966 überraschend stellvertretender Landesvorsitzender der Hamburger SPD wurde, lernte ich ihn besser kennen. Ich traf ihn aber in einer Stimmung, die für ihn politisch schwierig war.

Inwiefern war er damals in einer schwierigen Situation? Er war doch schon viele Jahre Bundestagsabgeordneter der SPD.
Blachstein kandidierte damals erneut für das Bundestagsmandat der SPD im Wahlkreis Eimsbüttel – nachdem er von seinem Posten als Botschafter in Jugoslawien zurückgetreten war. Doch er bekam Konkurrenz von Wilhelm Nölling. Dazu muss man wissen, dass es damals in Eimsbüttel zwei Lager gab: Auf der einen Seite standen Peter Blachstein und Reinhart Hoffmann. Die beiden waren enge Freunde und gehörten dem linken Teil der SPD an. Auf der anderen Seite gab es Wilhelm Nölling und andere, die eher dem rechten Teil zuzuordnen waren. Diese beiden Gruppierungen befanden sich im Konflikt. Ich habe unter anderem den Parteitag miterlebt, bei dem Peter Blachstein mit seiner erneuten Kandidatur gescheitert ist.

Können Sie die Wahlgeschehnisse näher beschreiben?
Das muss 1969 gewesen sein. Wilhelm Nölling ließ sich auf dem Landesparteitag plötzlich als Kandidat aufstellen und gewann die Wahl dann auch. Das hat Blachstein getroffen. Viele – auch diejenigen, die mit Blachsteins Ansichten nicht immer einverstanden waren – fanden, dass das der Person nicht gerecht wurde. Das war kein angemessener Abgang aus der Politik.

Ist Blachsteins Rolle nach der Niederlage gegen Wilhelm Nölling innerhalb der Partei kleiner geworden?
Da dürfen Sie nicht zu viel hineininterpretieren. Wenn man plötzlich kein Amt mehr hat, dann geht das von alleine. Das demokratische System ist so. Leute die einmal draußen sind, die sind weg. Und so ist das auch bei ihm so gewesen. Er hatte kein Bundestagsmandat mehr und war im Landesvorstand nicht mehr vertreten. Dann ist man draußen. Irgendwann muss man gehen. Ich kandidiere das nächste Mal auch nicht mehr für den Bundestag. Irgendwann werde auch ich einer sein, der draußen ist. Das ist aber keine persönliche Unfreundlichkeit, es kommen immer neue. Dafür gibt es unter anderem Demokratie.

Wir haben gelesen, dass Peter Blachstein oft seinen Standpunkt gegen die Mehrheitsmeinung der SPD vertrat. Können Sie uns dazu etwas sagen?
Er hatte Ansehen, weil er eine Figur war. Er war eine Adresse, an dem niemand vorbei kam. Selbst wenn man mit ihm überhaupt nicht übereinstimmte, konnte man ihn nicht einfach ignorieren. Er zwang einen zur Auseinandersetzung. Sei es, dass man ihm freudig zustimmte oder sich über ihn ärgerte. Es war schlecht möglich zu Blachstein ein gleichgültiges Verhältnis zu haben. Alle hatten eine Position zu ihm. Er machte es einem auch nicht leicht – und vor allem machte er es sich selbst nicht leicht. Ohne Streit hätte er nicht lange gelebt. Aber er war auch ein kulturell interessierter Mensch, viele schätzen dies an ihm. Das heißt er hatte zwei Seiten: Er war ein politischer Macher – eher auf der linken aber ganz und gar nicht kommunistischen Seite – und er war ein Kulturmensch. Aber er blieb ein schwieriger Mensch.

Bevor Peter Blachstein an Wilhelm Nölling scheiterte, wurde er von dem damaligen Außenminister und späteren Bundeskanzler Willy Brandt zum Botschafter in Jugoslawien ernannt. Dies war doch sicher eine Ehre für ihn.
Hierbei muss bedacht werden, dass es zu Zeiten der großen Koalition ganz unüblich war, jenseits des klassischen Wegs der Karrierediplomatie zum Diplomaten gemacht zu werden. Deutschland hat bis jetzt im Prinzip nur Karrierediplomaten. Das sind diejenigen, die studiert haben und hinterher eine zweijährige Ausbildung beim Auswärtigen Amt machen. Ganz anders als in Amerika, wo die Mehrheit ernannte politische Diplomaten sind. Peter Blachstein war einer der Ausnahmen, der ohne diese klassische Ausbildung plötzlich auf einen solchen Posten gesetzt wurde. Das hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass er sich viel mit Jugoslawien und dessen Auslegung des Kommunismus beschäftigt hat. Jugoslawien hat immer eine besondere Rolle gespielt, weil der Tito-Kommunismus einer war, der sich nicht an Russland orientierte, sondern sich eher gegen die russische Linie richtete. Das hat Blachstein sicherlich fasziniert, da er gegen den Sowjet-Kommunismus war. Das war sein Feindbild nach dem Nazi-Regime.

Genau zu dieser Zeit begann auch die Studentenbewegung. Wie stand Peter Blachstein zur Studentenrevolte?
Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Wenn ich mich in ihn hinein versetzte, wird er eher ein gespaltenes Verhältnis gehabt haben. Er hat bestimmt viele der Positionen der Studenten unterstützt, war aber ganz und gar gegen Aufruhr. Zumal Eimsbüttel bei der Hamburger Variante der Studentenrevolte unmittelbares Zentrum der Proteste war, da die Uni in Eimsbüttel liegt. Und die Kombattanten der damaligen Zeit waren auch da: Jens Litten, Gert Hinnerk Behlmer und Reinhart Hoffmann. Aber für große Sit-Ins und das Festsetzen von Professoren war er bestimmt nicht zu haben. Unruhe mochte er überhaupt nicht. Was sicher auch daran lag, dass er eigentlich ständig gekämpft hat. Er hat gegen die Nazis gekämpft und dann im Spanischen Bürgerkrieg. Man kann nicht sein ganzes Leben lang kämpfen.

Sie waren von 1966 bis 1968 stellvertretender Landesvorsitzender der Hamburger Jungsozialisten. Wie stand Herr Blachstein zu den Jusos?
Zu der Zeit waren die Hamburger Jusos verglichen zum Gesamtspektrum der Partei eher auf der konservativen Seite. Die Jusos in Hamburg waren damals brav – und Blachstein war ganz und gar nicht brav.

Hat Blachstein das an den Jusos kritisiert?
Er hat sie nicht direkt kritisiert, aber er hatte eine andere Sozialisation hinter sich und war überhaupt kein Karrieretyp. Während es nach dem Wiederentstehen normalen politischen Lebens natürlich auch in der SPD – und damit ebenso bei den Jungsozialisten – die Karrieretypen gab. Diese vertraten eher rechte sozialdemokratische Positionen als linke.

Wäre Peter Blachstein Ihrer Meinung nach heute noch in der SPD?
Vermutlich ja. Ich glaube nicht, dass er den Schritt zur Linken gegangen wäre. Die Nähe zu radikalsozialistischen Überlegungen hätte ihn zögern lassen und ein Typ wie Oskar Lafontaine wäre kein besonderer Freund von ihm gewesen. Also ja: Er wäre der SPD treu geblieben.

Dann bedanken wir uns recht herzlich für das Interview.


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Hans-Ulrich Klose, Jahrgang 1937, war von 1974 bis 1981 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Zu Zeiten Blachsteins war er in der Eimsbüttler SPD engagiert. Mehr auf Wikipedia.