Blachstein

Die solidarische Politikerperson

Dr. Ulf Skirke, Jahrgang 1949, studierte Physik und promovierte im Fachbereich Philosophie zum Problem eines zukünftigen Fortschrittsbegriffs. Von 1984 bis 1986 war er Bundesvorsitzender der Jusos. Er leitet das SPD-nahe Wissenschaftsforum Hamburg e.V. und vertritt dieses im Hamburger Zukunftsrat. Peter Blachstein lernte er als Jungsozialist kennen.

Herr Skirke, können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Peter Blachstein erinnern?
Das war mit Sicherheit bei einer Versammlung der Niendorfer SPD – entweder einer Vorstandssitzung oder einer Distriktversammlung. Ich war damals bei den Niendorfer Jungsozialisten aktiv und habe unter anderem mit Annelie und Uwe Tietze versucht frischen Wind in die Partei zu bringen. Peter Blachstein hat als stellvertretender Distriktsvorsitzender unsere Anliegen meist unterstützt. Dennoch hat er uns auch das eine oder andere Mal beschwichtigt, wenn wir mit unseren Forderungen zu weit gingen.

Welche Rolle spielte Blachstein in der Niendorfer SPD?
Peter Blachstein hat immer versucht eine linke, unabhängige Position zu stärken und zu fördern – genauso wie wir Jungsozialisten. Aus diesem Grund war es für uns wichtig, dass Peter Blachstein trotz seines Bundestagsmandats stellvertretender Distriktsvorsitzender blieb. Er stellte eine zentrale Person in Eimsbüttel dar. Jedoch hat sich Peter Blachstein nicht wirklich für Kommunal- sondern eher für internationale Politik und die Parteistrategie insgesamt interessiert.

Peter Blachstein empfand die Niederlage gegen Wilhelm Nölling in der Wahl zum Bundestagskandidaten der Eimsbüttler SPD 1969 als „Sturz“. Wäre es Ihrer Meinung nach besser gewesen, wenn Peter Blachstein das Amt erhalten hätte?
Das war nicht nur eine politisch, sondern auch menschlich ziemlich miese Aktion. Obwohl es umstritten war, ob Peter Blachstein erneut das Bundestagsmandat nach seiner Rückkehr aus Belgrad bekommen sollte, konnte er die Mehrheit des Kreises von seiner Nominierung überzeugen. Daher war es für mich völlig klar, dass er auch über die Hamburger Landesliste für den Bundestag aufgestellt würde. Es war Peter Blachsteins Verhängnis, dass die Landesebene eher rechts ausgerichtet war – er gegen die etablierten Parteirechten aber immer wieder gestichelt und diese kritisiert hat. Dies wird die Ursache für seine Niederlage gewesen sein. Denn sonst gab es meiner Meinung nach keinen Grund an der Position Peter Blachsteins und auch an seinem Können zu zweifeln. Die rechte Strömung hat auf Landesebene gegen ihn mobil gemacht und ihn von der Landesliste gekippt. Die Form des Absetzens von Peter Blachstein empfand ich als inakzeptabel. Sie widerspricht meinem demokratischen Verständnis. Ich denke, dass sich Wilhelm Nölling, der damals als sein Kontrahent aus dem Hut gezaubert wurde, auch keinen Gefallen mit seiner Kandidatur getan hat. Das hat die Gräben im Kreis Eimsbüttel sehr stark ausgehoben und noch über viele Jahre zu starken Konflikten geführt.

Und wie ging es Peter Blachstein nach der Niederlage?
Ich weiß aus seinen Erzählungen, wie tief ihn das gekränkt und verletzt hat. Die Kontrahenten Peter Blachstein und Wilhelm Nölling, die sich später ein paar Mal wiedergesehen haben, gaben sich zwar die Hände, aber das war es dann auch schon.

Wie beurteilen Sie Blachsteins Einstellung zu Helmut Schmidt, der von 1974-1982 Bundeskanzler war?
Er hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Schmidt-Regierung. Wie vielen älteren Sozialdemokraten bedeutete es Peter Blachstein viel, nach der langen Oppositionszeit in den 50er und 60er Jahren endlich an der Regierung zu sein. Doch wie sollte man in dieser Regierung Politik betreiben? Da waren Blachstein die Schwerpunkte der Politik Helmut Schmidts zu wirtschaftslastig und zu stark mit den traditionell eher rechts orientierten Strukturen innerhalb der SPD verknüpft. Andererseits hat er die Regierung nicht frontal verteufelt und Helmuth Schmidts gute Beziehung zu den Gewerkschaften anerkannt. Die Frage wohin die Reise strategisch gehen und wie eine demokratisch-sozialistische Entwicklung gefördert werden könne, wurde ihm allerdings zu wenig behandelt.

Geprägt von den Erlebnissen des Spanischen Bürgerkrieges gründete Peter Blachstein 1958 ein Komitee zur Hilfe von spanischen Flüchtlingen. Was hat Ihnen Blachstein über seine Erlebnisse in Spanien erzählt?
Das hat er immer nur angedeutet. Man konnte nur erahnen was er dort erlitten und erlebt haben muss. Durch seinen Versuch eine unabhängige linke Position im spanischen Widerstand zu stärken, geriet er automatisch mit der stalinistische Komintern in Konflikt, die ihn körperlich ziemlich stark misshandelt hat. Er hat immer das Wort „barbarisch“ benutzt, wenn er von seinen Erfahrungen gesprochen hat: Es wäre „barbarisch“ gewesen, was sich die Menschen damals angetan haben.

Wie können Sie sich erklären, dass Blachstein trotz der ehemaligen Verfolgung in Deutschland wieder hierher zurückkehrte?
Peter Blachstein war immer davon überzeugt, dass es nicht um die Nationen, um die Menschen als Gesellschaften ging, die Kollektivverbrecher waren. Es ging ihm vielmehr darum zu erkennen, welche Strukturen, welche Machverhältnisse dahinter standen. Für ihn waren es nicht die Deutschen als Gesellschaft, Kulturnation oder nationale Identität, sondern wirtschaftliche, politische, diktatorische und vordemokratische Strukturen, die dazu geführt haben. Er war immer dagegen, den Deutschen eine Kollektivschuld aufzulasten. Ganz im Gegenteil: Er fühlte sich sogar verpflichtet nach Deutschland zurückzukehren, um hier für eine demokratische und sozialistische Gesellschaft zu sorgen. Er wollte sich an dem Neubeginn beteiligen.

Obwohl er aus Dresden stammte, kehrte Blachstein in die BRD statt die DDR zurück. Hatte er eine bestimmte Haltung gegenüber der DDR?
Ich glaube, dass das Thema DDR für alle Linken ein schwieriges war. Blachstein empfand das Konzept der DDR sich als Antikriegsstaat zu etablieren als durchaus positiv. Die diktaturähnlichen Strukturen erinnerten ihn jedoch sehr an seine eigene Zeit im Konzentrationslager oder an die Komintern. Die zentralistischen Strukturen der DDR hat er immer kritisch gesehen. Von daher war es für ihn wichtig, die Spaltung Deutschlands zu überwinden. Da war er sehr kongruent mit dem, was Willy Brandt vertrat.

Peter Blachstein schien eine recht positive Beziehung zu Willy Brandt zu haben…
Natürlich, diese Beziehung war sehr positiv! Es war eine ausgesprochen freundschaftliche und emotional tiefe Beziehung, die aus der Zeit des Widerstandes und des Exils herrührte. Es war viel mehr als eine politische Beziehung. Peter Blachstein hat Politik und Person immer miteinander verbunden. Für ihn gab es nicht nur eine Position oder ein Programm. Entweder stand die Person voll und ganz hinter diesem Programm und war eins mit diesem oder sie war nicht glaubwürdig. Die Glaubwürdigkeit einer Politikerperson war für ihn sehr wichtig. Willy Brandt war hierfür ein leuchtendes Vorbild, von dem er immer in den höchsten Tönen sprach. Dennoch ist Blachstein als Botschafter in Jugoslawien mit dem Auswärtigen Amt in Konflikt geraten ist. Nicht nur gesundheitliche Probleme haben Peter Blachstein zur Rückkehr aus Jugoslawien bewegt, sondern auch ein Stück weit die Differenzen mit Willy Brandt, der zu dieser Zeit Außenminister war. Der Freundschaft zwischen den beiden scheint dies keinen Abbruch getan zu haben. Peter Blachstein war noch in den 70er Jahren – als er nicht mehr im Bundestag saß – sehr darum bemüht diesen Kontakt zu halten.

Für wie wichtig hielt Peter Blachstein seine eigene Persönlichkeit in seiner Politikerkarriere?
Er war eine Politikerperson: Ein Politiker, der Person geblieben ist. Die Person ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt und nur in dieser Person kann man Solidarität ausüben. Das kann man nicht als Funktionär einer Partei oder als Parteisoldat, sondern indem man persönlich motiviert und von einer Sache überzeugt ist. Das ist nach wie vor ein Konflikt in der Politik.

Inwiefern war Peter Blachstein ein Vorbild für Sie?
Peter Blachstein hat mich darin unterstützt Positionen und Posten innerhalb der SPD – besonders im Distrikt – zu übernehmen. Er hat gesagt: „Von dieser Basis aus kannst du versuchen, die Menschen zu erreichen.“ Er hat mir immer wieder Tipps und Ratschläge gegeben und ich habe viele seiner Redebeiträge verfolgt.

Fällt Ihnen dazu ein konkretes Beispiel ein?
Nach der Wahlniederlage der SPD im Jahr 1974 hat er auf dem Landesparteitag eine unglaublich mitreißende Rede gehalten. Ein bemerkenswerter Auftritt, den ich noch immer als vorbildlich ansehe: Wie er einerseits den Leuten nicht nach dem Munde redete, sondern selbstkritisch blieb, gleichzeitig aber aus dieser Selbstkritik heraus einen positiven Lösungsvorschlag entwickelte und sagte: „Leute, versucht es doch mal anders, versucht es mit etwas mehr Liberalität, mit mehr Offenheit – und nicht nur mit Apparatschik-Methoden. Dann können wir in Zukunft vielleicht auch wieder Wahlen gewinnen!“ Es gelang ihm mit knappen Worten eine Sache präzise auszudrücken, seine Zuhörer für sich zugewinnen und zu überzeugen. Peter Blachstein bleibt nach wie vor ein Vorbild für mich.

Es existiert die Vermutung, dass Blachstein homosexuell war. Spielte dies je eine Rolle in seiner politischen Karriere?
Ich habe von dieser Vermutung erst nach Peters Tod bei einer Diskussion in der Friedrich-Ebert-Stiftung erfahren. Jemand erwähnte, dass vieles darauf hindeute. Seinem Lebenswandel und seiner Äußerung nach kann ich das nicht direkt bestätigen, halte es aber auch nicht für ausgeschlossen. Er war alleinstehend, nie verheiratet und mit Sicherheit kein Familienmensch. Im Nachhinein würde es mich nicht überraschen. Weder hätte ich damals, noch habe ich heute damit ein Problem. In den siebziger Jahren war nur nicht die Zeit, um sich zu outen. Dennoch habe ich die Vermutung, dass eher hinter vorgehaltener Hand der ein oder andere Partei-Zirkel Peter Blachstein als homosexuell bezeichnet hat, um ihm damit zu schaden. Ob er es nun war oder nicht: Ich finde das unerheblich.

Peter Blachstein trug schwere gesundheitliche Schäden von seiner Haft im Konzentrationslager Burg Hohenstein davon. Was wissen Sie über seine TBC-Erkrankung?
Ich weiß, dass er Medikamente genommen hat. Ich habe davon gehört, dass er eine Lungenkrankheit davongetragen hat. Keiner wusste so genau, wie weit er genesen war und sein Tod im Jahr 1977 kam für uns alle plötzlich und überraschend. Ich habe nie eine genaue Diagnose von ihm gehört. Wir wussten als Vertraute nur, dass er regelmäßig eine Reihe von Medikamenten nahm. Er war kein wehleidiger Mensch. Man sah ihm manchmal an, dass er angestrengt oder angespannt war, aber er hat mit dieser körperlichen Schwäche gelebt und hat daraus keinen größeren Hehl gemacht. Wir haben gewusst, dass er gesundheitliche Probleme hat, nicht aber, dass sie so schwerwiegend waren.

Wie beurteilen Sie den Verlauf der letzten Jahre seines Lebens?
Die letzte Zeit seines Lebens war von Verbitterung geprägt. Vieles hat sich in seinem Leben verdichtet, was er als tragisch angesehen hat. Es hat mich sehr berührt, dass er testamentarisch verfügt hat, es solle keiner an seinem Grabe und bei seiner Trauerfeier reden. Das lag zum Teil an seiner Enttäuschung über Teile der Hamburger Landes-SPD, von deren Seite er auf keinen Fall irgendwelche Trauerreden haben wollte. Von Hans-Ulrich Klose zum Beispiel, der damals zu dem rechten Flügel der SPD gehörte, hätte er mit Sicherheit keine Trauerrede gewollt. Hans-Ulrich Klose hat dann selbst eine Wandlung durchgemacht, was Peter Blachstein nicht mehr miterleben konnte. Insofern war das Misstrauen gegenüber bestimmten Personen offensichtlich so groß, dass er sich genötigt sah, den Schritt zu unternehmen, nur Instrumentalmusik zu gestatten. Das war sehr ungewöhnlich.

Was halten Sie von der Aufarbeitung des Lebens von Peter Blachstein und was erhoffen Sie sich in Bezug dazu für die Zukunft?
Ich halte diese Aufarbeitung des Lebens und der Person von Peter Blachstein für längst überfällig. Ich hätte mir gewünscht, dass das alles schon viel früher stattgefunden hätte. Ich erhoffe mir, dass die Aufarbeitung seines Lebens weitere Nachwirkungen hat und in die politische Öffentlichkeit gelangt. Eine tolle Sache wäre eine Art Förderverein mit politisch Interessierten, die ein bestimmtes politisches Vermächtnis Peter Blachsteins im Sinne einer unabhängigen, linken, persönlichen Wirkungsweise in der Politik unterstützen. Sie sollte unter Beachtung der Interessen Peter Blachsteins, wie Europäische Geschichte und Kulturgeschichte, einen Entwurf für eine humane, soziale und solidarische Gesellschaft entwerfen.

Vielen Dank für das Interview!


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Dr. Ulf Skirke, Jahrgang 1949, studierte Physik und war von 1984 bis 1986 Bundesvorsitzender der Jusos. Er war Mitglied der Programmkommission zum Berliner Programm der SPD (1989) und leitet das SPD-nahe Wissenschaftsforum Hamburg e. V. Er vertritt dieses im Hamburger Zukunftsrat. Ulf Skirke lernte Blachstein als Jungsozialist kennen.